„Dresdens Technologiezentren haben die falsche Philosophie“

Im Founderella-Interview erklärt TU-Wirtschaftsprofessor Michael Schefczyk, warum Startups eine Chance für Sachsen sind, was bei der Förderung der Unternehmen schief läuft und weshalb im Wirtschaftsministerium eine Angstkultur herrscht.

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Prof. Michael Schefczyk in seinem Büro an der TU Dresden. Foto: Stephan Hönigschmid

Founderella: Herr Prof. Schefczyk, wie schätzen Sie das Potenzial der Startup-Szene in Sachsen ein?

Prof. Michael Schefczyk: Ich glaube, wir haben in Dresden und auch in Leipzig und ein bisschen auch in Chemnitz eine sehr gute Ausgangssituation. Vor allem aus den außeruniversitären Forschungseinrichtungen gehen viele technische Innovationen hervor.

Trotzdem ist es kein Selbstläufer, weil beispielsweise in Fraunhofer-Instituten Leute arbeiten, die zwar gerne Wissenschaftler sind, aber oft keine Firma gründen wollen. Ich sitze häufig tollen Forschern gegenüber, denen ich sage, Mensch, mach’ doch bitte auch unternehmerisch etwas aus der Idee.

Fehlt das Potenzial, die Ideen zu kommerzialisieren?

Zum Teil schon. Das gelingt in anderen Kontexten besser. So haben wir in Berlin eine sehr lebendige Startup-Szene, wo allerdings teilweise an wesentlich weniger technologieorientierten Ideen gearbeitet wird. Startup-Massenschmieden wie Rocket Internet agieren erfolgreich mit ganz einfachen Geschäftsmodellen wie beispielsweise Lebensmittellieferservices.

Das ist längst nicht so spannend wie vieles, was man aus außeruniversitärer Forschung zum Beispiel im Bereich der Materialwissenschaften oder der Biotechnologie in Sachsen machen könnte, aber es ist eben leichter zu realisieren. Und diese Niederschwelligkeit ist oft ein riesiger Vorteil.

Könnten weitere Inkubatoren oder Gründerzentren auch in Dresden dazu beitragen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse besser in Geschäftsideen umgewandelt werden?

Grundsätzlich sind unsere bestehenden Technologiezentren ja nicht schlecht. Allerdings haben sie mehrheitlich die falsche Philosophie. Sie sind zu stark darauf ausgelegt, eine Vollauslastung zu haben. Das ist im Grunde genommen eine Vermietungsgesellschaft. Bei brummenden Standorten wie zum Beispiel Tatzberg fällt das kaum auf, aber dort, wo es nicht ganz so einfach ist, Firmen zu finden, da klammert man sich stärker an seine Mieter.

Das Ideal sollte Company Creation sein: das fließbandartige Rausproduzieren von Unternehmen. Die Vorstellung, dass man sich von diesen nach einer bestimmten Zeit wieder verabschiedet, ist noch nicht ganz so eingesickert. Die bestehenden Gesellschafter geben den Zentren nicht die Dynamik, die sie bräuchten. Das betrifft vor allem Standorte wie die Gostritzer Straße oder das Zentrum Nord, die ein wenig abseits liegen und nicht so sehr mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen integriert sind wie das BioInnovationszentrum am Tatzberg.

Manche Forscher finden aber auch am Tatzberg nicht alles toll. Die sagen, dass es ihnen zu bürokratisch ist und sie erst komplizierte Anträge stellen müssen, wenn sie etwas brauchen. Sie wünschen es sich unkomplizierter, damit sie sich ausschließlich auf die Forschung oder das Produkt konzentrieren können…

Genau das ist der Unterscheid zwischen Inkubation und Company Creation auf der einen und reiner Vermietung auf der anderen Seite. Hier muss ein Umdenken einsetzen. Günstig ist zudem ein Umfeld, das investiver, offener und freigiebiger ist und Unternehmen im Einzelfall auch mal fünf bis zehn Jahre Zeit gibt, damit sie sich entwickeln können.

Liegt das daran, dass die Firmen in unseren Breitengraden häufig mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, wo der Rechtfertigungsdruck besonders groß ist?

Das ist so. Bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind zum Teil öffentliche Gelder und auch eingeworbene Drittmittel im Spiel. In beiden Fällen ist der formale Rechtfertigungsdruck groß. Schade ist, dass immer mit Formalitäten geregelt wird und fast nie nach den eigentlichen Wirkungen gefragt wird. Andererseits bin ich unter diesen Bedingungen immer noch in einer Situation, in der ich diese offene und freigiebige Kultur leichter etablieren kann als in einem rein privatwirtschaftlichen Umfeld, wo der Zwang im Zweifel noch größer ist.

Trotzdem sind die Förderbedingungen meist in ein sehr starres Korsett gegossen. Muss sich da was ändern?

Das Problem bei diesen Förderbedingungen ist, dass sie in der Regel EU-getrieben sind, weil sowohl Bund als auch Länder mit EU-Geld arbeiten. Allerdings ist auffällig, dass Sachsen anders als andere Bundesländer, wie zum Beispiel Nordrhein- Westfalen oder auch anders als der Bund, die Regeln besonders streng auslegt. Das Wirtschaftsministerium hat in den vergangenen Jahren auch mit Ministern unterschiedlicher Parteien stets die Sächsische Aufbaubank beauftragt, die die Regeln bürokratischer interpretiert und umsetzt als andere.

Wahrscheinlich wirken dabei wirtschaftspolitische Negativerfahrungen wie die Förderung von Sachsenring, die mit dem Startup-Bereich gar nichts zu tun hatten, immer noch nach. Seitdem die Staatsanwaltschaft im Wirtschaftsministerium mehrfach kräftig umgepflügt hat, scheint dort eine Vorsichts-, Angst- und Absicherungskultur zu herrschen.

Wir befinden uns in Sachsen im Wettbewerb mit großen Startup-Zentren wie Berlin oder München. Haben wir angesichts der finanziellen Möglichkeiten, die unter anderem in Bayern verfügbar sind, überhaupt eine Chance?

Ich glaube, wir haben eine Chance, und wir müssen diese auch nutzen. Es geht dabei nicht zuletzt um eine wirtschaftspolitische Weichenstellung. Denn wenn man mit Fördergeldern nur Automobil- oder Chipwerke ansiedelt, ist das zwar toll, aber nicht das Einzige, was man tun kann, zumal es sich ja in der Regel nicht um die Zentralen dieser Unternehmen handelt.

Aus diesem Grund ist es sinnvoll, Startups zu fördern. Und man sieht ja auch, dass man etwas erreichen kann. In der Biotechnologie hat Sachsen beispielsweise seine Chance spät ergriffen und erstaunlich viel erreicht.

Das Potenzial an Ideen ist auf jeden Fall da. Wo wir im Moment eine fühlbare Lücke haben, ist die Finanzierung. Der Technologiegründerfonds Sachsen ist in diesem Zusammenhang wichtig. Er wurde wieder neu an den Sparkassensektor vergeben. Aber bis er wirklich am Ende des Jahres arbeitsfähig ist, wird eine Lücke von zwei Jahren seit den letzten Investitionen des Vorgängerfonds entstanden sein. So etwas ist sehr bitter, da hätte man als Land schon sportlicher sein können.

Wie sehen Sie die Entwicklung beim Venture Capital? Das ist ja in Sachsen noch nicht sehr stark ausgeprägt. Reicht es aus, wenn die Kapitalgeber in Berlin oder München sitzen oder brauchen wir sie auch vor Ort?

Zu sagen, da gibt es eine Reisediplomatie von Hamburg, München oder Berlin aus, ist nicht ideal. Studien zeigen immer wieder, dass der Risikokapitalbereich anfänglich ein regionales Geschäft ist. Wir bräuchten daher mehr lokale Frühphasenfinanzierung in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Danach kommt es auf überregionale und internationales Vernetzung an, für die es allerdings deutlich an Wahrnehmung Sachsens von außen fehlt.

Sie haben mit dresden|exists zahlreiche Unternehmen begleitet. Können Sie ein paar erfolgreiche Ausgründungen aus der Universität heraus aufzählen?

Man muss sich natürlich fragen: Was ist Erfolg? Unkompliziert ist das bei Fällen wie Novaled, wo die Firma Jahre später für viele hundert Millionen Dollar an Samsung verkauft wurde. Das ist dann der ultimative Erfolg. Aber eigentlich ist es ja auch schon ein Erfolg, wenn Firmen an den Markt gehen und sich über Jahre im Konkurrenzkampf behaupten.

Gute Beispiele sind einige vom High-Tech-Gründerfonds finanzierte Unternehmen wie zum Beispiel fodjan, das Software für Bauern erstellt, um die Kuhfütterung zu optimieren. Interessant ist auch Holy Trinity, das Lichtsysteme und innovative LED-Beleuchtungen erarbeitet. Die Gründer waren mit ihrer Idee bei uns im Business-Plan-Seminar und heute gibt es die realen Lampen. Viele dieser Unternehmen, wie der Softwareanbieter Kiwigrid, der Messtechnikspezialist Suragus oder das Heizungstechnikunternehmen Cloud&Heat haben die ersten paar hunderttausend Euro oder gar Millionen eingesammelt und befinden sich auf Wachstumskurs.

Nicht jeder Student ist ein geborener Gründer. Welche Rolle spielen attraktive Jobangebote für Absolventen bei der Entscheidung für oder gegen eine Gründung?

Das ist ein entscheidender Punkt. Wir haben eine bestimmte demografische Entwicklung, die dazu führt, dass junge hochqualifizierte Menschen nach ihrem Studienabschluss keine Probleme haben, tolle Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden. Der Mangel an Fach- und Führungskräften macht das möglich. Die Demografie spielt somit gegen die Startup-Kultur. Man muss es schon wirklich wollen.

Gibt es ein spezielles Charakterbild des Gründers? Sind das besonders forsche oder eigensinnige Menschen?

Das ist zwar nicht mein Forschungsgebiet, aber es existieren interessante Studien aus dem angelsächsischen Raum über große börsennotierte Unternehmen. Und diese verneinen die Frage nach einem idealtypischen Vorstandvorsitzenden.

Bei den Gründern ist das so ähnlich. Da reicht das Spektrum auch vom feinsinnigen Intellektuellen bis hin zum forschen Haudrauf. Ausschlaggebend ist am Ende nicht ein bestimmter Charaktertyp, sondern vielmehr, dass die Gründer es wirklich wollen und hundertprozentig überzeugt sind. Ich bin unbesorgt, dass es die auch bei der ungünstigsten demografischen Entwicklung immer geben wird.

Was kann die Universität tun, um die Studenten besser bei Ausgründungen zu unterstützen?

Also ich denke, wir tun da schon eine ganze Menge. Am Ende sollte das Modell auch selbstbestimmt sein, so dass jeder für sich in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen. Dabei ist es auch nicht schlimm, wenn jemand sagt, eine Gründung ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts für mich, aber wenn ich fünf Jahre Erfahrung als Angestellter gesammelt habe, denke ich vielleicht noch mal drüber nach.

Dennoch muss man den Studierenden früh mit auf den Weg geben, dass es auch noch andere Optionen gibt, als Angestellter oder Beamter zu werden. Wir bieten deshalb z. B. schon im 1. Semester als optionale Veranstaltung den Teamwettbewerb Gründerwoche Dresden an. Da kann man innerhalb einer Woche in einem Team ein unternehmerisches Projekt ausprobieren. Ziel ist es, einen Mehrwert zu schaffen. Dieser kann monetär, aber auch sozial oder künstlerisch sein.

Herr Professor Schefczyk, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Stephan Hönigschmid

 

Zur Person:

Prof. Michael Schefczyk ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Entrepreneurship und Innovation an der Technischen Universität Dresden. Schwerpunkte seiner Lehrtätigkeit bilden dort die Themen Existenzgründung sowie Technologie- und Innovationsmanagement. Er leitet darüber hinaus die Initiative dresden|exists, die sich der Unternehmensgründung durch Studierende, Absolventen und Mitarbeiter der Dresdner Hochschulen widmet. (Quelle: Wikipedia)

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