Vom Dresdner Flüchtlingshelfer zum Modeschöpfer

Der Fotograf Kristijonas Duttke hat ein Label für Kleidung gegründet, das für Toleranz und Mitmenschlichkeit wirbt. Wegen Pegida verschob er sein Vorhaben um zwei Jahre.

Kristijonas Duttke im winterlichen Flüchtlingscamp am Strehlener Platz. Foto: Krisitjonas Duttke

Kristijonas Duttke im winterlichen Flüchtlingscamp am Strehlener Platz. Foto: Kristijonas Duttke

Dresden. Eigentlich wollte Kristijonas Duttke schon vor zwei Jahren ein eigenes Modelabel kreieren. Von Männerunterwäsche bis hin zu einem eigenen Label für die Stadt Dresden hatte er einige Ideen und tüftelte bereits am Design.

Allerdings passierte dann etwas, was ihm einen Strich durch die Rechnung machte. „2015 kamen bekanntlich die Pegida-Demonstrationen so richtig in Schwung. Ich habe das Projekt dann erstmal auf Eis gelegt, weil ich Angst hatte, dass ich durch den starken lokalen Bezug meiner Kleidung von den Demonstranten vereinnahmt werde“, sagt der 31-Jährige.

Als jemand, der zur Hälfte litauisch ist, weil seine Mutter von dort kommt, wäre ihm das äußerst unangenehm gewesen. Schließlich liegen ihm Weltoffenheit und Toleranz sehr am Herzen.

Untätig blieb Duttke trotzdem nicht. Als er seine Pläne für die Selbständigkeit verschiebt und gleichzeitig auch seine Festanstellung als Werbe- und Industrie-Fotograf endet, entscheidet er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt.

„Das war die Zeit, als die Flüchtlingskrise akut wurde. Ich wollte in diesem historischen Moment etwas tun und habe mich deshalb beim Deutschen Roten Kreuz als Helfer beworben“, sagt der Dresdner.

Ab Ende September 2015 habe er im Flüchtlings-Camp am Strehlener Platz unter anderem die Teams „Soziales/Betreuung“ und „Logistik“ aufgebaut und geleitet, die beispielsweise das Waschen der Kleidung und die Kleiderausgabe organisiert haben.

Einblick ins Büro des Camps. Foto: Kristijonas Duttke

Einblick ins Büro des Camps. Foto: Kristijonas Duttke

Bereitstehende Funkgeräte auf einem Regal. Foto: Kristijonas Duttke

Bereitstehende Funkgeräte auf einem Regal. Foto: Kristijonas Duttke

Auch die Platzzuweisung innerhalb des Camps gehörte zu seinen Kompetenzen. „Wir mussten unter anderem die verschiedenen Nationalitäten aufteilen, damit es keine Konflikte gibt“. Trotz dieser nicht gerade einfachen Aufgaben ging Kristijonas Duttke jeden Tag gern auf Arbeit und traf auch im Helferteam auf Menschen, die wie er alle keine gelernten Sozialarbeiter waren, sich aber dennoch einbringen wollten. „Es war eine bunte Mischung, die vom Bäcker über den Handwerker, Betriebswirt und Winzer bis hin zum Imker reichte“, so Duttke.

Ähnlich wie im Kollegenkreis, machte er auch beim Kontakt mit den Flüchtlingen überwiegend positive Erfahrungen. „Es gab insgesamt drei größere Konflikte. Eine gute Quote für ein Camp, welches insgesamt zehn Monate existierte.“ Ansonsten sei es ziemlich ruhig geblieben, was bei drei Zelten mit jeweils 200 Leuten keine Selbstverständlichkeit sei, sagt Duttke und fügt an: „Die Flüchtlinge sind mit fast nichts gekommen und waren einfach dankbar.“

Außenansicht auf die Zelte, in denen die Flüchtlinge untergebracht waren. Foto: Kristijonas Duttke

Außenansicht auf die Zelte, in denen die Flüchtlinge untergebracht waren. Foto: Kristijonas Duttke

In jedem Zelt lebten etwa 200 Flüchtlinge. Foto: Kristijonas Duttke

In jedem Zelt lebten etwa 200 Flüchtlinge. Foto: Kristijonas Duttke

Innenansicht eines Zeltes. Foto: Kristijonas Duttke

So sah es im Inneren eines Zeltes aus. Foto: Kristijonas Duttke

Dennoch sind sie nicht überall beliebt. Das merkt der 31-Jährige vor allem bei Diskussionen auf Facebook oder im Gespräch mit Nachbarn und Bekannten.

„Es gab schon wüste Beschimpfungen. Einige sagten, dass das alles Verbrecher seien“, so Duttke, der dann immer Partei für die Flüchtlinge ergriff und darauf hinwies, dass das genauso Menschen sind wie wir auch, die die gleichen Bedürfnisse haben und gern  mit ihren Kindern in einer friedlichen Umgebung aufwachsen möchten.

Aufgrund dieser unzähligen und manchmal quälenden Debatten, die stets mit dem Satz „Wir sind alle Menschen“ endeten, entstand bei Kristijonas Duttke schließlich der Wunsch, sein Modelabel doch noch in Angriff zu nehmen und diese Erfahrungen aufzugreifen.

„Ich habe mir überlegt, dass statt dem Schriftzug ‚Dresden’ diese verbindende Botschaft ‚Wir sind alle Menschen’ schön wäre. Und damit es international funktioniert, habe ich es in Englische übersetzt: All.Human“

Sofort konnte er zwar nicht loslegen, weil er auch nach dem Ende seiner Arbeit im Flüchtlingscamp noch bis Ende Januar 2017 im sozialen Bereich arbeitete. Jetzt will er aber durchstarten und sich seinen Traum erfüllen. „Meine erste Kollektion gibt es in den Farben Schwarz, Weiß und Grau. Sie umfasst T-Shirts, Kapuzenpullover und normale Pullover sowie College-Jacken“, sagt Duttke.

Kristijonas Duttke und seine Freundin Fanny mit der von ihm kreierten Kleidung. Foto: Kristijonas Duttke

Kristijonas Duttke und seine Freundin Fanny mit der von ihm kreierten Kleidung. Foto: Kristijonas Duttke

Die Kreation "All.Human" gibt es als T-Shirt...Foto: Kristijonas Duttke

Die Kreation „All.Human“ gibt es als T-Shirt…Foto: Kristijonas Duttke

...als Pullover. Foto: Kristijonas Duttke

…als Pullover. Foto: Kristijonas Duttke

...als Kapuzenshirt. Foto: Kristijonas Duttke

…als Kapuzenshirt. Foto: Kristijonas Duttke

...und als College-Jacke. Foto: Kristijonas Duttke

…und als College-Jacke. Foto: Kristijonas Duttke

Über all ist deutlich der Aufdruck "All.Human" zu lesen. Foto: Kristijonas Duttke

Überall ist deutlich der Aufdruck „All.Human“ zu lesen. Foto: Kristijonas Duttke

Eine aufgenähte Skala aus sieben Kästchen steht symbolisch für die sieben Kontinente der Erde. Foto: Kristijonas Duttke

Eine aufgenähte Skala aus sieben Kästchen steht symbolisch für die sieben Kontinente der Erde. Foto: Kristijonas Duttke

Neben dem großen Schriftzug „All.Human“ ist auf der Kleidung auch eine hautfarbene Skala in Form von sieben Kästchen aufgenäht. „Es handelt sich dabei um die sieben Kontinente“, klärt der 31-Jährige auf.

Obwohl die Kleidung, welche 34,90 Euro (T-Shirts), 49,90 Euro (Pullover), 64,90 Euro (Hoodies) und 79,90 Euro (College-Jacken) kostet, in Bangladesch genäht wird und erst der Siebdruck und die Stickerei in Dresden erfolgen, stellt der Gründer klar: „Es handelt sich um Kleidung mit dem Fair Trade- und Fair Wear Siegel. Diese Zertifikate sagen aus, dass in den Fabriken humane, sozial gerechte und faire Bedingungen herrschen.“

Um schneller zu wachsen und bekannter zu werden, plant Duttke ab April eine Crowdfunding-Campagne. Dennoch hat er in der kurzen Zeit, in der er mit seinen Produkten auf dem Markt ist, auch schon das eine oder andere Kleidungsstück verkauft. „Die Resonanz ist gut. Sowohl im Freundeskreis als auch über den Webshop gab es bereits Bestellungen“, so Duttke.

Stephan Hönigschmid

www.allhumanstyle.com

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1 Comments

  1. Damit die EU nicht an der Flüchtlingskrise zerbricht und die Reisefreiheit im Schengenraum weiterlebt, gibt es nur einen Ausweg: eine gemeinsame europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise. Mit einem wirksamen Schutz der europäischen Außengrenzen. Mit einer gerechteren Verteilung von Flüchtlingen und der Option, dass die unwilligen Länder sich anfangs freikaufen können. Und mit mehr europäischem Engagement in Syrien und an anderen Krisenorten.

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