Dresdens Traum vom Plattenbau

Wohnungsnot ist kein neues Phänomen. Daran erinnerte das weltweit erste Plattenbaumuseum in der Johannstadt. Trotz zahlreicher Bemühungen findet es seit Jahren keinen neuen Standort.

Bagger reißen im November vergangenen Jahres auch noch die letzten Reste des früheren Museums nieder. Foto: Stephan Hönigschmid

Bagger reißen im November vergangenen Jahres auch noch die letzten Reste des früheren Museums nieder. Foto: Stephan Hönigschmid

Dresden. Ab November rollten die Bagger. Auf dem Gelände an der Ecke Gerokstraße/Arnoldstraße in der Dresdner Johannstadt beseitigten Arbeiter die letzten Reste des früheren Plattenbaumuseums „Betonzeitschiene“. Zuletzt hatten sich dort die Skater von den „TriniRats“ einen kleinen Parcours gebaut. Hinzu kamen Sprayer, die die Betonruinen für ihre Bilder nutzten.

All das wollte die Eigentümerin nicht mehr. Die Berliner Idealwert GmbH, die das Grundstück in ihrem Auftrag verwaltet, teilte auf Anfrage mit, dass die Beräumung die Bewirtschaftungskosten senken und die durch die bisherige Nutzung entstandene Müllproblematik vermeiden soll. Ein Verkauf oder gar eine Bebauung sei nicht geplant. Dafür denke man über eine Einzäunung nach, heißt es.

Plattenbauwerk von 1958 bis 1990

Somit scheint es fraglich, ob das Gelände in absehbarer Zeit aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Dabei gab es interessante Ansätze. Einer der bekanntesten war die Ausstellung „Betonzeitschiene“ des irischen Architekten Ruairí O’Brien. Sie erinnerte daran, dass sich auf dem Grundstück von 1958 bis 1990 das Johannstädter Plattenbauwerk befand.

Alle Außenplatten der Dresdner Wohnblöcke wurden dort angefertigt. Als die Fabrik 2001 abgerissen wurde, schlossen sich einige Enthusiasten im Verein „Betonzeitschiene“ zusammen. Auf einem 1.500 Quadratmeter großen Streifen an der Arnoldstraße eröffneten sie 2004 das weltweit erste Plattenbaumuseum.

Zeitreise über neun Stationen

Auf neun Stationen konnten die Besucher dort durch die Zeit reisen und Bauelemente wie Außenwandplatten, Stahlrahmen und bunte Fliesen sehen. Den Beginn des Rundgangs bildete die Zeit ab 1878, als sich auf dem Areal das Carolakrankenhaus befand, eines der ersten Kinderkrankenhäuser in Europa. Mit Sandsteinfragmenten wurde diese Epoche in Szene gesetzt. Wenige Meter weiter folgte eine graue, leere Betonfläche, die die Nazizeit symbolisierte. Einzelne in Beton eingelassene Trümmersteine standen wiederum für die Zerstörung der Stadt am 13. Februar 1945. 

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Das Plattenbaumuseum war in vielen Reiseführern zu finden und weltweit das erste seiner Art. Dennoch musste es nach der Eröffnung 2004 bereits 2007 wieder schließen. Foto: Ruairí O’Brien

Vorreiter-Projekt für Bürgerbeteiligung

Dass jetzt auch noch die letzten Reste des Museums verschwunden sind, das einst sogar in Reiseführern vermerkt war, bedauert Ruairí O’Brien: „Es ist ein Verlust für die Stadt. Nicht alles kann mit einer Alibi-Infotafel abgehakt werden. Es war ein Vorreiter-Projekt für Bürgerbeteiligung und Baukultur, keine eingekaufte Idee, sondern authentisch vor Ort gewachsen.“

Für die Erinnerungskultur sei das wichtig gewesen, weil die Ausstellung den ständigen Prozess von Entstehung, Untergang und Zerstörung anhand der Baugeschichte sichtbar gemacht habe – von der Gründerzeit über den Nationalsozialismus bis zum Wiederaufbau. 

Der Begriff „Betonzeitschiene“ sei in diesem Kontext eine Art Mahnung gewesen. „Beton ist nur für kurze Zeit formbar. Wer nicht rechtzeitig eingreift, lässt etwas formen, das im Nachhinein nicht mehr veränderbar ist“, erläutert O’Brien, der den Plattenbau als Vision für eine neue Gesellschaft begreift.

„Nach dem Krieg herrschte Wohnungsnot. Der Plattenbau war daher mehr als eine Bauweise. Vielmehr verkörperte er die Hoffnung, dass jeder in der Stadt eine Wohnung haben könnte, mit Licht, Luft und öffentlicher Verkehrsanbindung.“

Ruairí O’Brien, Freier Architekt

Als eine weitere Zwischennutzung des Geländes scheiterte, war 2007 plötzlich Schluss mit der „Betonzeitschiene“. Dennoch versuchte O’Brien immer wieder, die Ausstellung mit Hilfe der noch vorhandenen, eingelagerten Ausstellungsstücke neu zu beleben. Unter anderem habe man sich darum bemüht, sie in die Begrenzung des Geländes der neuen Rettungswache zu integrieren. Zuletzt sei noch die Parkfläche hinter der Rettungswache im Gespräch gewesen. „Leider hat man uns dann aber in keiner Weise in die Planung  einbezogen“, ärgert sich O’Brien. 

Stephan Hönigschmid

betonzeitschiene.com

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