Dörfer lieber dicht machen? Ein Ökonom widerspricht. 

Im Dresdner ifo-Institut erklärte der Volkswirt Jens Südekum, was passieren würde, wenn man den armen Regionen in Deutschland nicht mehr hilft. Vor allem für den Osten hätte das dramatische Folgen.

Jens Südekum während seines Vortrags im Dresdner ifo-Institut. Foto: Stephan Hönigschmid

Dresden. „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Der Satz stammt aus der Bibel und bezeichnet den sogenannten Mätthäus-Effekt. Populär ausgedrückt lautet er: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Dass er Relevanz hat, ist in Deutschland gut am Stadt-Land-Gefälle zu sehen. So zählen Städte wie München, Frankfurt und Stuttgart zu den reichsten Städten des Landes Dort gibt es jede Menge Unternehmen und Arbeitsplätze. In der Folge ziehen weitere Menschen, aber auch neue Firmen dorthin.

Wo Reichtum ist, kommt also neuer dazu. Anders ist das in der Altmark, die als besonders strukturschwach gilt. Es gibt kaum Firmen und es werden weniger. Gleichzeitig wandern die gut ausgebildeten jungen Leute ab. 

Ökonomen streiten über richtigen Weg

Stellt sich die Frage, ob man die Dörfer und ländlichen Regionen lieber dicht machen sollte? Jeder Politiker wird sagen: Auf keinen Fall. Erst recht, wenn er seinen Wahlkreis dort hat. In den Wirtschaftswissenschaften gehen die Meinungen darüber auseinander. Während der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Reint Gropp, vor allem mit Blick auf Ostdeutschland dafür plädiert, den Schwerpunkt der Förderung auf die Städte zu legen, hat  kürzlich der Düsseldorfer Volkswirt Prof. Jens Südekum (44) im Dresdner ifo-Institut eine andere Sichtweise dargelegt. Er sprach über das Thema „Gleichwertige Lebensverhältnisse – ein sinnvolles und zeitgemäßes Ziel?“

Transfers von 55,5 Milliarden Euro

Interessant war dabei ein (durchgerechnetes) Experiment, das er vor dem Publikum präsentierte. Es zeigte, was passieren würde, wenn der Staat den schwachen Regionen nicht mehr helfen und sich nur noch auf die starken konzentrieren würde. „In Deutschland werden über diverse Transfers pro Jahr reichlich 55,5 Milliarden Euro umverteilt. Die größten Nettozahler sind dabei München, Frankfurt und Düsseldorf“, sagte Jens Südekum und fügte an: „Wir haben in der Simulation die umverteilende Regionalpolitik auf null gesetzt und nur die Einnahmen aus der Gewerbesteuer berücksichtigt.“

Ostdeutschland nahezu entvölkert

In der Realität ergeben sich daraus dramatische Folgen. Während Ostdeutschland nahezu entvölkert wäre, würden die genannten Nettozahler-Städte aus allen Nähten platzen. Anders als sonst, wo pro Jahr etwa 100.000 Menschen über Landkreisgrenzen umziehen, würden sich laut dieser Simulation vier Millionen Menschen eine neue Heimat suchen. Rein volkswirtschaftlich betrachtet wäre das gar nicht mal schlecht.

Mehr Wachstum, weniger Lebensqualität

„Das Bruttoinlandsprodukt würde auf diese Weise um sechs Prozent steigen“, erklärte Jens Südekum. Wo Licht ist, ist jedoch auch Schatten. „Die Auswirkungen auf die Wohlfahrt würden aber leicht im negativen Bereich liegen.“ Was das bedeutet, erklärt der Ökonom so: „Wenn immer mehr Menschen in die Städte ziehen, wird es dort natürlich auch lauter und enger. Die Lebensqualität nimmt ab und die Mieten steigen spürbar.“

Bau von Wohnungen ändert nicht viel

An der vertrackten Lage ändert übrigens auch der Bau von neuen Wohnungen nicht viel. „Ich bin zwar dafür, Wohnungen zu bauen, um auf die steigenden Mieten in den Großstädten zu reagieren.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass neue Wohnungen wiederum neue Leute anzögen und sich der Effekt somit teilweise aufhebe, sagt Jens Südekum und kommt zu dem Schluss: „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Umverteilung in Deutschland falsch ist und der Staat nur noch die Städte fördern sollte.“ Trotzdem muss er seine Hausaufgaben machen. 

Greifswald lockt Berliner in den Norden

Wie Jens Südekum bestätigte, habe beispielsweise der Satz, dass der superschnelle Mobilfunk 5G an jede Milchkanne gehöre, durchaus seine Berechtigung. Schnelles Internet ist in diesem Kontext nicht nur eine Voraussetzung, damit sich neue Fabriken ansiedeln, sondern auch für die Flexibilität des einzelnen Arbeitnehmers. „Es gibt eine Entflechtung von Wohn- und Arbeitsort. Junge Leute aus Berlin kaufen sich beispielsweise Bauernhöfe in Greifswald. Die sind dann noch einen Tag im Büro in der Hauptstadt und den Rest zu Hause im Home-Office im Norden.“ Dies gehe aber nur mit der entsprechenden Infrastruktur. 

Digitalisierung führt zur Rückkehr von Arbeitsplätzen

Was Fachkräfte und der 5G-Mobilfunk bewirken können, zeigt außerdem die sogenannte Speedfactory von Adidas in Ansbach. Weil der lange Zeit übliche Transport der Sportschuhe vom Produktionsort in Asien zum Verkauf nach Europa die CO2-Bilanz belastet, hat der Hersteller begonnen, einen Teil seiner Produktion zurückzuholen. Per 3D-Druck werden 500.000 Schuhe im Jahr hergestellt. „Dafür fallen dann in Vietnam beispielsweise 1.000 lohnintensive Jobs weg und in der automatisierten Fabrik in Ansbach entstehen 100 qualifizierte“, erläutert der Wissenschaftler die Auswirkungen der Digitalisierung.

Keine Chance ohne digitale Infrastruktur

Ein Teilnehmer im Publikum merkte daraufhin an, dass es gerade bei öffentlicher Förderung schwierig sein könnte, wenn der Staat eine Infrastruktur für verhältnismäßig wenige Arbeitsplätze schaffe. Jens Südekum konnte dies nachvollziehen, machte jedoch klar, dass ohne die technischen Voraussetzungen vor allem in strukturschwachen Regionen gar nichts passieren wird. „Nur so haben sie eine Chance“, sagte er. 

Stephan Hönigschmid

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